Historie: Berufsfreiheit und Berufswahl – Zeitgemäße Darstellung von 1857

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Dieses ist der vorerst letzte Beitrag zur Historie in der Berufswahl. Ich finde ihn zugleich den spannensten, denn er lässt sich fast genau so auf die heutige Zeit übertragen. Einzig einzelne Worte lassen sich auswechseln. Mit der Betrachtung der Historie können wir erkennen, das die Berufswahl, ihre Probleme und Konsequenzen schon lange bekannt und beschrieben sind. In nächster Zeit werden die historischen Beiträge konkreter in heutige Bezüge gesetzt. Wir können gespannt sein, welche Schlüsse sich ergeben. Folgend Auszüge aus dem Original. Der besseren Lesbarkeit halber, wurde auf eine buchstabengegtreue Widergabe (Rath, Thätigkeit u.ä.) verzichtet. Und die Wahl, hatten große Teile der bevölkerung früher nicht. So wie heute auch!

„Je tiefer eine Berufsart steht, um so ausschließlicher wird sie als Mittel des materiellen Lebensunterhalts betrieben; je höher sie steht, um so mehr kommt bei ihrer Wahl und Ausübung die Pflege und Befriedigung geistiger Interessen in Anschlag“ Bluntschli 1857

„Die persönliche Freiheit, als staatsbürgerliches Recht aufgefasst, äußert sich vor allem in dem Rechte der physischen Existenz und in der Freiheit des Individuums, seinen Beruf, den Wirkungskreis seiner Leibestätigkeit, nach eigenem Willen zu bestimmen. Wenn man unter Freiheit nächstdem noch das Recht des Aufenthaltes und der Auswanderung und die Unabhängigkeit von einem fremden Willen im Gegensatze zu Sklaverei und Leibeigenschaft begreift, so stehen diese Rechte mehr oder weniger in einer untergeordneten Beziehung zu der Freiheit des Berufs: Ihr realer Wert liegt hauptsächlich darin, dass die Möglichkeit, den Wirkungskreis persönlicher Tätigkeit frei zu bestimmen, durch sie bedingt ist. Aus der Berufsfreiheit, deren allgemeine staatsrechtliche Begründung in dem Artikel „Freiheitsrechte“ ihren Platz finden wird, ruht zum großen Teile die Befriedigung der höchsten Lebensinteressen: Sowohl die Sicherung der leiblichen Existenz, als die Entwicklung und Anwendung der geistigen und sittlichen Kräfte ist von ihr abhängig. […]405px-Der_Kürschner,_Jost_Amman,_aus_Eygentliche_Beschreibung_aller_Stände Je tiefer eine Berufsart steht, um so ausschließlicher wird sie als Mittel des materiellen Lebensunterhalts betrieben; je höher sie steht, um so mehr kommt bei ihrer Wahl und Ausübung die Pflege und Befriedigung geistiger Interessen in Anschlag. Nach beiden Richtungen ist die Ausübung eines Berufes umso erfolgreicher, je mehr derselbe mit unseren Neigungen und unseren Fähigkeiten harmoniert.

Die materielle Wohlfahrt und die geistige Entwicklung wird also, unter sonst gleichen Umständen, in demjenigen Staat auf die höchste Stufe gelangen, wo jedem die Freiheit gegeben ist, den Beruf zu wählen, der seinen Neigungen und Fähigkeiten entspricht. […] Die Freiheit des Berufes ist, wie jede andere, von Staatswegen beschränkt durch die Rücksicht auf die gleiche Freiheit aller, auf die Rechtsordnung und auf die öffentliche Wohlfahrt. Sie ist überdies privatrechtlich und durch die herrschende Sitte beschränkt. […] Niemand kann seinen Beruf auf Kosten der Freiheit eines anderen ausüben, indem er seine Berufsleistungen demjenigen aufdrängt, die sie nicht begehren. Schon deshalb lässt sich aus dem Grundsatz der Berufsfreiheit auch kein Recht auf Verleihung von Staatsämtern, sondern nur ein Recht der Bewerbung ableiten. Aus demselben Grund ist der Eintritt in den Dienst eines Andern, und so auch in den Staatsdienst, stets den Bedingungen unterworfen, die in Bezug auf die Fähigkeit des Bewerbers und deren Nachweis vom Dienstherrn gestellt werden. […] es ist selbstverständlich, dass vom Staate die Ausübung eines Berufes, der mit der geltenden Rechtsordnung im Widerspruche steht – also namentlich die berufsmäßige Verübung strafbarer Handlungen – nicht geduldet werden kann.

Die Berufsfreiheit wird drittens, in völliger Unbeschränktheit gehandhabt, leicht zu einem Hindernisse der öffentlichen Wohlfahrt […] dass jeder auf demjenigen Arbeitsgebiet die größten Wirkungen hervorbringe, das für seine Neigungen und Fähigkeiten das angemessenste ist, so zeigt dagegen ein Blick aufs tägliche Leben, dass wir in der Erkenntnis unserer Neigungen und Fähigkeiten gar häufig irre gehen. Wie oft gibt sich ein flüchtiges Gelüsten für Neigungen aus und wie leicht knüpft sich an die Neigung die Illusion der Fähigkeit. Solche Täuschungen werden verhängnisvoll nicht allein für den Einzelnen, sondern, wenn sie massenhaft vorkommen oder wenn der gewählte Beruf in wichtige Interessen eingreift, auch für die Gesamtheit.

Ebenso verderblich wirken, zumal in den höheren Berufsklassen, schlechte Eigenschaften des Charakters, und doch werden diese von dem Individuum selbst, das seinen Beruf zu wählen hat, niemals in die Waagschale gelegt. Wenn ferner die Meisten bei der Wahl ihres Wirkungskreises unstreitig von dem natürlichen Triebe geleitet werden, den Weg einzuschlagen, der ihnen die Mittel der Effizienz und wo möglich des Wohlstandes verheißt, so ist es doch eben so gewiss, dass auch dieser Trieb häufig durch Selbsttäuschung irre geleitet wird, dass der Einzelne von seinem beschränkten Standpunkt aus die volkswirtschaftlichen Verhältnisse oft nicht überblicken kann, die für sein Schicksal entscheidend sind, und dass nicht selten bei übermäßigem Andrange zu derselben Berufsart das ökonomische Gedeihen der Einen nur durch den ökonomischen Ruin Anderer gesichert wird.

Solche Erwägungen haben von jeher Anlass gegeben, der Berufsfreiheit Schranken zu ziehen, halb weitere, halb engere, bis zur völligen Vernichtung des Begriffs. Das Prinzip selbst – die Zulässigkeit von Beschränkungen um der öffentlichen Wohlfahrt willen – ist im heutigen Staatsrechte ihrer  fest begründet, schließt aber freilich in seiner Allgemeinheit die verschiedensten Deutungen nicht aus. […] Mit besonderer Schärfe drückt die sächsische Verfassungsurkunde sich aus: „Die Freiheit der Person und die Gebarung mit dem Eigentum sind keiner Beschränkung unterworfen, als welche Gesetz und Recht vorschreiben. Jeder ist daher berechtigt, seinen Beruf und sein Gewerbe nach eigener Neigung zu wählen und sich dazu im In- und Auslande auszubilden so weit nicht hierbei ausdrückliche Gesetze oder Privatrechte entgegenstehen.“ Vergl. auch Zachariä Staatsrecht §89 (65). […] Es ist dies zunächst die Ausschließung ganzer Bevölkerungsklassen von gewissen Berufsarten. Sie trifft nach deutlichen Landesstaatsrechten vielfach noch die Mitglieder  nichtschriftlichen Glaubensgenossenschaften, namentlich die Juden. Von der Beschränkung der Frauen ist richtiger unter Ziffer 3 die Rede. Fremde sind regelmäßig vom öffentlichen Dienst ausgeschlossen.

Eine Beschränkung der freien Wahl ist es so ferner, wenn umgekehrt die Staatsangehörigen zur Übernahme eines gewissen Berufes gesetzlich verpflichtet werden. Solcher Berufszwang findet statt in Bezug auf die Erfüllung der Militärpflicht und mehr oder weniger auf die Führung von öffentlichen Ämtern. […] Zu den privatrechtlichen Einschränkungen der Berufsfreiheit gehört vor allem das Recht des Vaters, Vormundes, Ehemannes über minderjährige Kinder, Pflegebefohlene, Ehefrauen; dann bei der Wahl eines gewerblichen Berufs der Widerspruch von Realberechtigten, Monopolisten und anderen Privilegierten, sofern die Landesgesetzgebung dergleichen Privatrechte anerkennt. […] Es ist im Eingang dieses Artikels gesagt worden, dass die Möglichkeit unsere ökonomische Existenz zu sichern, unsere geistigen und sittlichen Kräfte auszubilden und fruchtbar anzuwenden, von der Freiheit des Berufes abhänge. Im weiteren Verlauf musste hinzugefügt werden, dass durch eine absolut unbeschränkte Freiheit die Erreichung dieser Zwecke eher gefährdet als befördert werde. Aber auch den realen Wert einer umsichtig geregelten Berufsfreiheit darf man nicht überschätzen. Jeder Blick auf die Lage der unteren Volksklassen zeigt, dass hier mit der Gewähr rechtlicher Freiheit noch keineswegs alle Vorbedingungen für den Erwerb jener Güter erfüllt sind.

Man kann einem Proletarier, der besitz- und kreditlos in die Welt eintritt, nicht von der Freiheit des Berufes sprechen; die Not legt unerbittlicher als irgend ein Staatsgesetz den Zwang auf, bei Tagelöhnerarbeit sein Brot zu suchen. Man sieht auch, wie wenig noch mit jener Freiheit erreicht ist, wenn tausende von ackerbau- und gewerbetreibenden Familien in unverschuldetem Elend zu Grunde gehen. Diese Betrachtung weist auf eine höhere Aufgabe des Staates hin, die das ganze Gebiet der Kultur- und Volkswirtschaftspflege umfasst, und durch deren Vernachlässigung die Garantie der Freiheit zum großen Teil ihren Wert einbüßt.

J.C. Bluntschli, Deutsches Staats-Wörterbuch, Band 2, S. 72 ff., 1857

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