Inklusion in der Arbeitswelt? – ein Perspektivwechsel

von Christian Münch

Während in der breiten Öffentlichkeit der Begriff „Inklusion“ überwiegend mit dem Schulbereich in Verbindung gebracht und kontrovers diskutiert wird, gibt es auch bei der Teilhabe am ArbeitsPuzzleleben eine intensive Auseinandersetzung mit der Umsetzung von Inklusion. Die Rahmenbedingungen und damit verbundenen Fragestellungen sind jedoch andere: Sie bieten bei der Umsetzung von Inklusion Chancen, stellen aber auch besondere Anforderungen an die Beteiligten.

Die Schwierigkeit der Annäherung und Vermittlung

Inklusion – oder die „Teilhabe an Arbeit“ – ist ein breit gefächertes Thema. Hinzu kommt die Schwierigkeit des schmalen Grades zwischen theoretischer Diskussion und praktischer Umsetzung. Die Einbindung von relevanten gesellschaftlichen Gruppen bei konkreten Maßnahmen, in diesem Falle der Unternehmer am Beispiel einer angepassten Ausbildung für einen Menschen mit Behinderung, ist schon eine Herausforderung an sich. Die Motivation des Unternehmers zu stärken, den Personenkreis der Menschen mit Behinderung als Option wahrzunehmen sowie vorhandene Berührungsängste und Vorbehalte abzubauen, ist eine erste Hürde. Die Zusammenarbeit der verschiedenen am Ausbildungssystem Beteiligten zu koordinieren und die passgenauen Veränderungen herbeizuführen eine weitere. Neben der notwenigen Systemanpassung besteht die Gefahr, über die Lösung des Einzelfalles hinaus, eine Grundsatzdebatte auszulösen. Diese ist prinzipiell notwendig, zu diesem Zeitpunkt aber nicht zielführend.

Berufliche Bildung in Zeiten der Integration

Das System der beruflichen Bildung in Deutschland hat sich über die Jahre eine weltweit anerkannte hohe Qualität erarbeitet. Für die größer werdenden Anforderungen der Wirtschaft an qualifizierte Nachwuchskräfte wurden immer speziellere Formen der schulischen und betrieblichen Aus- und Weiterbildung entwickelt. Neben den klassischen Wegen der schulischen, verzahnten und dualen Ausbildung sind Einstiegsqualifizierungen oder Verbund-Studiengänge Alltag. Ziel ist, neben der Erhaltung des Fachkräftepotentials, allen Jugendlichen einen ihrem Bildungsstand und Fähigkeiten angemessenen Zugang zur beruflichen Bildung zu ermöglichen.

Die Integration von Menschen mit Behinderungen in diese Systeme ist kein Neuland. Dort, wo bei Zielgleichheit die behinderungsbedingten Einschränkungen durch technische oder organisatorische Mittel beseitigt oder gemildert werden können, steht einer beruflichen Karriere nichts im Wege, wobei bewusst ist, das dies für den Einzelfall einen hohen Aufwand bedeuten kann. Nachteilsausgleiche, Fachpraktiker-Ausbildungen und individuelle Hilfen haben hier für zusätzliche Möglichkeiten gesorgt.

Nicht übersehen darf man hier, dass die Vielfalt und individuellere Gestaltung von Bildungsgängen ein hohes Maß an Abstimmungsbedarf zwischen den einzelnen Beteiligten erfordert und die vorhandenen Systeme hier bereits Grenzen setzen.

Berufliche Bildung in Zeiten von Inklusion

Die vorhandenen Bildungsysteme reichen in ihrer Individualität nicht aus, um echte Inklusion zu ermöglichen. Zugleich stößt sie an externe Grenzen, die sie selber nicht beeinflussen kann.

Inklusion, als Wunsch eine den persönlichen Fähigkeiten und Neigungen angepasste Bildung zu ermöglichen, ist bei zielgleichen Bildungsgängen grundsätzlich denkbar, wenn auch zum derzeitigen Stand im System nicht in Gänze möglich. Die aus Sicht eines Betroffenen möglicherweise notwendige Verlängerung einer dualen Ausbildung auf 5 Jahre wird die Beteiligten kurzfristig überfordern. Die Anpassung von Ausbildungs- und Schulrahmenplänen, entsprechende Prüfungsmodalitäten, die Betreuung und Finanzierung sowie deren Abstimmung sind schwer überwindbare Hürden.

Ungleich schwieriger wird die Diskussion bei zieldifferenten Bildungsgängen. Wenn bei dem obigen Beispiel zusätzlich der Betroffene von fünf möglichen modularen Rahmenplänen nur drei schafft, wäre es nun im Sinne von Inklusion, ein neues Berufsbild zu schaffen. Neben den Widerständen gegen weitere, immer differenziertere Berufsbilder, die unüberschaubarer werden und einen hohen Aufwand in der Entwicklung bedeuten, gibt es das Problem der Anerkennung in der realen Wirtschaft. Schon jetzt ist erkennbar, dass eine Teilqualifizierung nicht den gewünschten Effekt erbringt. Dem berechtigten Wunsch von Betroffenen nach aussagekräftigen Zertifikaten über ihre Fähigkeiten, steht die reale Arbeitswelt mit ihren Anforderungen entgegen, was bedeuten kann, dass das für den Betroffenen wichtige Zertifikat keine Akzeptanz und damit Chancenverbesserung darstellt. Im Sinne der Inklusion ist hier die Veränderung der Arbeitswelt zwingend erforderlich, wobei dies nicht eine alleinige Angelegenheit der Bildungsbeteiligten ist, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe.

Was ist zu tun?

Inklusion ist ein Prozess, der auf verschiedenen Ebenen stattfindet. Neben der konkreten Umsetzung vor Ort bedarf es einer übergeordneten politischen und systemischen  Auseinandersetzung bei der Implementierung von inklusiven Strukturen. Dies geschieht nicht unabhängig voneinander, und doch ist eine andere Herangehensweise sinnvoll. Bei der konkreten Umsetzung von Inklusion in der beruflichen Bildung ist es wichtig, frühzeitig die Bildungspartner zu beteiligen. Kostenträger, Bildungsträger, Kammern und berufliche Schulen brauchen Zeit, um neue Verfahren und Vorgehensweisen sowohl intern als auch untereinander abzustimmen.

Der involvierte Unternehmer vor Ort ist an die vorhandenen Systeme gebunden und nicht aus alleiniger Kraft in der Position, die damit verbundenen Regelungen zu verändern. Daher ist zu differenzieren, wo die Möglichkeiten des Unternehmers im Sinne von Inklusion liegen, und wo er unberechtigterweise für die Nichtumsetzung verantwortlich gemacht wird. Dies gilt selbstverständlich auch für alle anderen Systembeteiligten.

Die Motivation zur Mitwirkung an Veränderungen ist umso höher, je größer der Mehrwert dieser Veränderung für den Beteiligten ist. Dieser kann sehr unterschiedlich sein oder bewertet werden. Hier hilft der Blickwechsel.

Ein Unternehmer ist zu allererst für sein Unternehmen verantwortlich

Was auf den ersten Blick jedem Unternehmer als Selbstverständlichkeit erscheint, wird in der Diskussion über die Rolle von Unternehmen bei der Umsetzung von Inklusion gerne übersehen. Im Unterschied zur Inklusion in Schulen, kann man ein Unternehmen nicht anweisen „inklusiv“ zu werden. Eine Verschärfung des Schwerbehindertenrechts, eine Erhöhung der Quotenregelung oder der Ausgleichsabgabe sind weder praktisch, noch im Sinne des Inklusionsgedanken eine zielführende Maßnahme. Das bedeutet, dass hier von Beginn an mit Überzeugung gearbeitet werden muss, was die Sache anders, aber nicht einfacher macht. Oft werden schnell der Demografische Wandel und die damit verbundene Fachkräftesicherung in den Ring geworfen, um eine größere Beteiligung von Unternehmen zu erreichen. Dies hat seinen berechtigten Hintergrund, es darf aber dabei nicht übersehen werden, das es große regionale und branchenbezogene Unterschiede gibt, und hier in die Kernkompetenz der Unternehmers eingegriffen wird, da dieser als erster weiß, was für sein Unternehmen am besten ist. Auch die gerne vorgebrachte soziale Verantwortung von Unternehmern führt eher dazu, den Unternehmer in eine Verantwortungsfalle zu stecken, anstatt über den möglichen Mehrwert eine Motivation zu erzeugen.

Zusätzlich sind spezielle Beratungsangebote für Unternehmer zu schaffen. Neben den schon vorhandenen Beratungsangeboten über Fördermittel, Unterstützungsleistungen und Jobcoaching, braucht es die Unterstützung ein Unternehmen „inklusiv“ zu denken.

Die Arbeitswelt ist  einerseits geprägt von Betriebsabläufen mit klaren, vorgegebenen Strukturen, und andererseits von Arbeitsplätzen mit einer hohen Eigenverantwortung, beide mit der Maßgabe der größtmöglichen Produktivität. Ein Unternehmen ist dann erfolgreich, wenn die Strukturen und Abläufe im Unternehmen mit den dazu passenden Mitarbeitern in Einklang stehen. Es ist daher dem Unternehmer nicht vorzuwerfen, das er bei einem funktionierenden System zu allererst auf der Suche nach vergleichbaren Mitarbeitern ist. Der demografische Wandel zwingt den Unternehmer möglicherweise hier umzudenken. Wenn dies die Chancen auf Inklusive Arbeitsstrukturen erhöhen soll, braucht es aber eine spezielle Beratungsleistung, den Unternehmer auf diesem Weg zu begleiten.

Unternehmen sind auf dem Weg

Die notwendige Veränderung von Strukturen im Betrieb, mit einer stärkeren Fokussierung auf die Fähigkeiten des einzelnen Mitarbeiters, ist ein massiver Eingriff in die Kernkompetenz eines Unternehmers. Dies muss dem Berater genauso bewusst sein, wie die Tatsache, dass der wirtschaftliche Aspekt der Veränderungen immer in Blickfeld bleiben muss. Daher ist auch zu prüfen, wer diese Beratungsleistung anbietet, um vom Unternehmer anerkannt zu werden, und dessen Motivation zu verstärken. Neben unterstützenden Imagekampagnen, die Vorbehalte und Ängste abbauen, gibt es eine Reihe von konkreten Beratungsangeboten für Unternehmen. Die Lösung des Machingproblems zwischen den Fähigkeiten und Anforderungen des potentiellen Mitarbeiters und den vorhandenen Arbeitsplätzen in Unternehmen wird dabei aktiv durch die Beratung der Unternehmerseite unterstützt. Eine der konkreten Vermittlung vorgeschalteten ausschließlichen Betrachtung der unternehmerischen Gegebenheiten zeigen dem Unternehmen mögliche Ansatzpunkte zur Teilhabe an Arbeit auf. Der Mensch mit Behinderung wird so nicht mehr als Problem, sondern Teil einer Lösung angesehen.

Begegnung auf Augenhöhe

Am Inklusionsprozess sind viele unterschiedliche Gruppen beteiligt und jede davon bringt ihre ganz spezifischen Sichtweisen in den Prozess mit ein. Der Blickwechsel hilft hierbei den Partner dort abzuholen, wo er inhaltlich gerade steht, so ist die Betrachtung eines Arbeitsplatzes aus Sicht des Unternehmers ganz anders, als durch einen Mitarbeiter, der die  individuelle Förderung eines Betroffenen betreibt. Dieses wertfrei zuzulassen ist Grundlage von echter Inklusion. Die unterschiedlichen Hintergründe und Erfahrungen aus den jeweiligen Kernaufgaben machen es notwendig, seine eigenen Ideen und Vorstellungen so zu formulieren, das diese auch verstanden werden. Unabhängig davon, ob Inklusion eher politisch oder ganz konkret diskutiert wird, bleibt zu prüfen, ob die Diskussionsteilnehmer auch die richtigen sind. Die Verteilung von Aufgaben und Verantwortung bei der Umsetzung von Inklusion ist genauso vielschichtig, wie das Thema selbst.

Inklusion bedeutet nicht nur Verständnis für die Betroffenen zu haben, sondern auch für alle anderen Systembeteiligten. Der von Behindertenverbänden geprägte Satz „Nicht ohne über uns“ gilt entsprechend.

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Christian Münch, Integrationsberater bei der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer zu Hagen, Bahnhofstr. 18, 58095 Hagen, Tel 02331/390302, E-Mail: muench@hagen.ihk.de

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